20.05.2011
von: Susanne Widrat

"Wenn man bei Null anfangen muss, ist das Risiko erheblich größer"

Michael Pahl wagte vor zwei Jahren den Sprung in die Selbstständigkeit und trat die Chefposition bei einem eingesessenen Unternehmen an. Bei Berlin Design GmbH & Co. KG in Achim/Bremen, einem Großhandel für Merchandising und Werbeartikel. Im Interview berichtet der 52-Jährige über seine Erfahrungen als Nachfolger.

Herr Pahl, Sie haben Ihre gesicherte Position als Marketing- und Vertriebsleiter und auch Geschäftsführer ausgegeben, um Ihr eigener Chef zu sein. Warum?

Mein damaliger Arbeitgeber wurde verkauft. Diese Situation hatte ich zuvor schon zwei Mal erlebt und wusste, dass es für mich nur zwei Alternativen gab: bleiben und mit dem Risiko weiterer Rationalisierungen leben oder der Wechsel in die Selbstständigkeit. Ich habe einfach mal im Internet gestöbert und dann dieses Unternehmen gefunden, dass einen Nachfolger für den Chef suchte. Das war für mich die ideale Position - heimatnah und in der gleichen Branche. Da habe ich zugegriffen.

Ist es ein großer Vorteil, mit einem bereits bestehenden Betrieb zu starten?

Mit Sicherheit. Die Berlin Design besteht schon seit 1970 – das Unternehmen war bekannt, hatte einen großen festen Kundenstamm. Wenn man bei Null anfangen muss, ist das Risiko erheblich größer.

Wie haben Sie und Ihr Vorgänger die Übergangsphase gestaltet?

Vom Moment der Übernahme an, stand mir der alte Geschäftsführer noch ein halbes Jahr zur Seite. In den ersten drei Monaten war er täglich für drei oder vier Stunden im Betrieb, danach nur noch sporadisch. Aber wir sind ihm immer noch sehr verbunden und nutzen regelmäßig sein altes Netzwerk zu guten Kunden oder bitten ihn um Rat.

Kam es da auch mal zu Reibereien?

Auch wenn sich manchmal unsere Ansichten unterschieden, Reibungsverluste hatten wir nie. Er hat mir seine Ansichten mitgeteilt – die letzte Entscheidung habe aber immer ich getroffen. Mein Tipp ist jedoch: Hören Sie auf die Ratschläge des Vorgängers. 30 Jahre Erfahrung sollte man nicht einfach so in den Wind schlagen.

Und wie haben die Mitarbeiter und Kunden reagiert?

Die Kunden habe ich mit einem neuen, frischen Konzept überzeugt. Außerdem stand mir die Tochter meines Vorgängers zur Seite. Sie ist auch heute noch im Unternehmen und quasi das Bindeglied zwischen alter und neuer Chef-Generation. Und die Mitarbeiter wussten schon seit Jahren, dass der Senior einen Nachfolger sucht. Ich wurde ihnen frühzeitig vorgestellt und positiv von ihnen aufgenommen. Ihnen war klar, dass sich mit mir einiges ändern würde – und auch musste, um weiterhin eine Perspektive zu haben.

Was haben Sie verändert?

Ich habe versucht, der Firma eine neue, modernere Strategie zu verpassen. Das Produktsortiment ist überarbeitet worden, wir haben ein Shop-System im Internet aufgebaut und verschicken Flyer nun per Mail. Wobei: Stammkunden, die lieber Papier in den Händen halten, bekommen weiterhin gedruckte Broschüren per Post.

Bei alldem ist wichtig: Veränderungen dürfen nicht plötzlich auftreten, sondern müssen behutsam und ohne größere Reibungsverluste vollzogen werden. Anderenfalls verprellt man die Kunden und auch die Mitarbeiter.

© 2009 impulse

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